NICHT DA

„Nicht da“ ist eine Abrechnung der neuen Social-Media-Fake-Kultur, in der wir uns nicht mehr erlauben, tiefer zu gehen als der Handyspeicher es will. In einer Kultur in der wir das Leben durch ein eckiges Ding betrachten und erleben und beurteilen. Alles hat genau 30 Sekunden Aufmerksamkeit. Und ich bekomme dabei Brechreiz…

Ich bin ein Landei. Ich vergesse mein Handy wenn ich raus geh und manchmal sogar mehrere Stunden. Ich liebe diese Unabhängigkeit und merke gleichzeitig wie ich sie beschützen muss. Ich hab nämlich auch ein Handy und wenn ich Postings mache, dann will ich wissen wie sie ankommen, dann häng ich da dran und will es nicht mehr aus der Hand legen. Mein Online-Business braucht mich ja auch also muss ich online sein. Das ist die Challenge…

Max, mein Pianist sagt dann schon mal in solchen Momenten: „Anja du musst dein Handy wegtun“ Ich bin so froh, so umsichtige, wachsame Menschen in meinem Umfeld zu wissen.

Ich hab mich eine Zeit lang mit Influencern und den Sozialen Medien beschäftigt. Ist ein wenig so, wie auf einem fremden Planeten. Deshalb hab ich mir jemanden gesucht, der mir dabei hilft. Ich hab trotzdem laufend aufs Handy geschaut. Und mich ständig beschäftigt mit dem Gedanken, was ich noch posten kann. Schließlich gab es ja einen Content-Plan.

Dann gab es ein Influencer-Event – „ein mega Push“, „das gibt tausende Follower“ sagten sie, „da musst du hin“ sagten sie. Ok dann also ins Auto 400 km einfache Strecke. Das Mädchen vom Lande mit Herzen in den Augen und Sternen und Einhörnern. Angekommen stehe ich in einer Wohnung und ein paar junge Kerle begrüßen mich. Sie bauen gerade ein Buffet auf und es erinnert mich ein wenig an eine Studentenparty. Wir gehen auf die Terrasse auf der ich singen soll wie zwei, drei andere Sänger und Rapper oder so. Eine neue Kaugummimarke haben sie auch drappiert. Ich fühl mich unwohl, ich finde keine Verbindung zu diesen Menschen auch nicht zum Kaugummi nicht einmal zu meinen Liedern. Irgendwas stimmt hier nicht…

Dann sing ich. Ich soll die erste sein. Ich streng mich an – ich hab das Gefühl noch nie so hart gearbeitet zu haben, auf einem Konzert. Die Studenten halten ihr Handy hoch und drehen mir den Rücken zu. Alles ist wie in Watte gepackt. Ich bin fertig, die anderen sind dran. Ich halte mein Handy hoch und Miene und spiel noch ein bisschen mit. Wir reden über Gott und die Welt und irgendwie über gar nichts. Vielleicht weil ich auch nicht mehr erreichbar bin. Ich weiß nicht.

Als ich später im Auto sitze weiß ich nicht, schreien, weinen, lachen??? Wow ich bin Opfer meiner eigenen Erwartungen geschürt durch eine Fake-Welt die halt auch nur Fake aushält und meine Verletztheit. Ich hab vergessen mich wertzuschätzen und meine Zuhörer an diesem Abend haben es auch, aber sie haben so getan und das irritiert mich noch viel mehr.

Ich bekam dann noch Aufmerksamkeit auf Instagram. Es war nämlich Pflicht, die Sänger und den Kaugummi zu taggen. Hat mir 5 follower gebracht aber ich glaub, die sind schon wieder weg – ich hab nicht zurück verfolgt…

2020 © all rights reserved